Initiative "Gesund leben in Allach"

Ich distanziere mich von Dr. Hans Christoph Scheiner

Seit mehr als 2 Jahren beschäftige ich mich als Sprecher einer mobilfunkkritischen Bürgerinitiative intensiv mit dem Thema "Elektrosmog". Leider musste ich im Lauf der Zeit immer mehr erkennen, dass Dr. Hans Christoph Scheiner, einer der "renommiertesten" Mobilfunkkritiker, unwissenschaftlich und unseriös arbeitet.

Scheiner zitiert falsch, stellt Vermutungen als bewiesene Tatsachen dar, verbreitet Halbwahrheiten und hat auch keine Skrupel, in seinen Vorträgen ungeprüft eine offensichtliche "Ente" zu verbreiten, um dadurch seine Theorien zu untermauern.

Scheiner richtet mit seiner pseudowissenschaftlichen Desinformation, immensen Schaden an. Besonders bedauerlich ist, dass im Sumpf Scheiners Behauptungen und Falschinterpretationen auch seriöse Studien und plausible Argumente unglaubwürdig werden.

Diese Erkenntnis war sehr enttäuschend für mich, weil ich Dr. Scheiner seit vielen Jahren persönlich kenne und ihm bezüglich Mobilfunk vertraut habe.

Meine Kritik werde ich im Folgenden anhand von Aussagen Scheiners aus Vorträgen und insbesondere aus seinem Buch "Mobilfunk - die verkaufte Gesundheit" belegen.

 

Handys zum Eierkochen

Kürzlich kam mit dem Newsletter der Bürgerwelle folgende Meldung: Um zu verdeutlichen, wie gesundheitsschädlich die Strahlungen sind, stellte Scheiner diverse Studien vor, unter anderem diese: "Die Russen beispielsweise haben links und rechts neben einem Ei zwei Handys miteinander kommunizieren lassen. Nach 40 Minuten war das Ei gekocht." (Schwäbische Zeitung, Ausgabe Leutkirch vom 23.6.2006)

Da mir diese Behauptung unsinnig und daher unglaubwürdig erschien, fragte ich bei Dr. Scheiner telefonisch nach. Dieser bestätigte, er habe das irgendwo gelesen und beim Vortrag, wie im Zeitungsartikel zitiert, wiedergegeben. Er könne allerdings nicht ad hoc sagen, welche Uni die Studie gemacht habe. Ich fragte ihn, ob er die Quelle geprüft, oder den Versuch nachvollzogen hätte. Scheiner meinte, er könne nicht immer alles überprüfen und nachvollziehen, dazu fehlten ihm die Mittel.

Nach ein bisschen googeln war klar, Scheiner ist offensichtlich leichtgläubig einem Hoax (engl. Jux, Scherz, Schabernack; auch Schwindel) aufgesessen. Die "Studie" wurde nicht von einer Uni, sondern von zwei experimentierfreudigen "Genossen" aus Russland in Umlauf gebracht und per Email und Internet munter weiter verbreitet. "Bericht" auf russisch und auf englisch.

 

"Unter dem Mast strahlt es wie im Hauptstrahl."

Im Artikel der Schwäbischen Zeitung stand weiterhin: Der Münchner Buchautor Scheiner ("Die verkaufte Gesundheit") widersprach der gängigen Meinung, direkt unter der Antenne sei die Strahlung am geringsten: "Diejenigen, die den Masten auf dem Dach haben, sind in erster Linie die Leidtragenden. Denn die Belastung nimmt mit dem Quadrat der Entfernung ab."

Bei einer unserer Veranstaltungen behauptete Scheiner: "Unter dem Mast strahlt es wie im Hauptstrahl." Messungen durch den Baubiologen Stefan Streil ergaben direkt am Masten, in der August-Föppl-Str. auf der Straße 300 µW/m2 - in 150 m Entfernung, im Hauptstrahl waren es 6000 µW/m2. Im Dachboden des Gebäudes direkt unter dem Mast habe ich selbst mit meinem HF 35C nachgemessen: 20 µW/m2

Unter dem Titel: "14a. Massivbelastung unter Dachantennen - die Vertikalkeule, die immer trifft", zitiert Scheiner auf Seite 109 seines Buches eine Studie von Dr. C. Bornkessel: "Interessantes Ergebnis: Messungen ergaben, dass in den Häusern mit Dach- und Mobilfunkantennen sehr große Immissionen gemessen wurden" (Anführungszeichen bedeuten gewöhnlich, dass wörtlich zitiert wird.)

Im Originaltext von Dr. Bornkessel ist weder von "sehr großen Immissionen", noch von "wie im Hauptstrahl" zu lesen: "Ein interessantes Ergebnis der Messung ist die Tatsache, dass auch an Orten direkt unterhalb der Anlage (darunter liegende Wohnungen) die Spannbreite der gemessenen Immissionen sehr groß ist; sie umfasst mehr als drei Zehnerpotenzen bezüglich der Leistungsflussdichte. somit kann nicht pauschal davon ausgegangen werden, dass in diesen Wohnungen die Immission grundsätzlich wesentlich geringer ist als bei anderen Punkten im Umfeld der Anlage. Gründe für diese Beobachtung können in den verwendeten Antennen, in Beugungserscheinungen sowie im unterschiedlichen Dämpfungsverhalten von Dachmaterialien liegen. Es wird als sinnvoll erachtet, diese Tatsache näher zu untersuchen. Trotzdem wurden auch an diesen Stellen die Grenzwerte der 26. BImSchV sicher eingehalten und sogar die Schweizer Vorsorgewerte unterschritten." (Nr. 7, S. 65, Endbericht Untersuchung der Immissionen durch Mobilfunkbasisstationen)

Scheiner zitiert falsch und dramatisiert auf diese Weise die Tatsachen. Aus: "die Spannbreite der gemessenen Immissionen sehr groß ist" macht Scheiner: "sehr große Immissionen gemessen wurden"

Die Aussage von Dr. Bornkessel heißt für mich: Die Strahlung kann unter der Antenne durchaus relativ hoch sein, muss aber nicht. Ich verstehe nicht, was diese unhaltbare Übertreibung "Unter dem Mast strahlt es wie im Hauptstrahl" bringen soll, ist doch die Original-Studie in ihrer Substanz an sich bemerkenswert genug.

Es liegt die Vermutung nahe, dass Scheiner das Original nie gelesen hat und auch hier, wie bei den "Russischen Eiern", einfach eine Internetmeldung, vielleicht von der Bürgerwelle, wiedergegeben hat.

 

"Besoffene fahren besser Auto als Handytelefonierer"

Diese Behauptung habe ich schon bei verschiedenen Veranstaltungen nicht nur von Dr. Scheiner gehört. Autofahren mit dem Handy am Ohr ist sicher gefährlich, da gibt es nichts zu diskutieren. Scheiner besteht aber darauf, wie er bei Vorträgen ausführt und mir auch telefonisch versichert, dass nicht die Ablenkung vom Fahren das Gefahrenpotential beinhaltet, sondern die Strahlung für eine Verlängerung der Reaktionszeit verantwortlich ist. Scheiner wies diesbezüglich auf eine kanadische Studie hin, er meinte wohl diese:

"...Eine im kanadischen Toronto durchgeführte Untersuchung ergab, daß das Unfallrisiko durch Telefonieren während des Autofahrens um das Vierfache erhöht war und damit im ähnlichen Rahmen lag wie die Unfallhäufigkeit von Fahrern mit einem Alkoholspiegel von bis zu 0,5 Promille im Blut. Dabei war es unerheblich, ob beim Telefonieren ein normales Handy in der Hand gehalten oder eine Freisprechanlage benutzt wurde. Die erhöhte Unfallgefahr scheint also vor allem auf der Ablenkung des Fahrers vom Verkehrsgeschehen zu beruhen." (http://www.verbrauchernews.de/haushalt/telefonieren/0000000441.html)

Auch hier werden Studienergebnisse uminterpretiert, um wohl eine noch dramatischere Wirkung zu erzielen. Ob die gewollte Wirkung erzielt wird, halte ich für zweifelhaft. Bei zwei Infoveranstaltungen habe ich an einigen betretenen Gesichtern gesehen, das genau diese Behauptung der Glaubwürdigkeit des Referenten geschadet hat.

 

"mehrere Tausend Masten verhindert"

"Mobilfunk - die verkaufte Gesundheit": Schon auf Seite 24 torpediert Scheiner seine Glaubwürdigkeit mit einer Behauptung, die geradezu nach Widerspruch schreit: "Seit 1997 konnten mittels der informativen Hilfe der Bürgerwelle e.V. mehrere Tausend Masten verhindert werden, sogar bestehende Masten mussten wegen gesetzlicher Unzulässigkeiten oder qualifizierter Information von Bürgern und Kommunen, z.B. an Grundstücksbesitzer, abgebaut werden."

Auf meine Frage: Welche "Tausende Masten" wurden denn verhindert, wo ist das dokumentiert, antwortete Scheiner, ich solle mich an Sigfried Zwerenz von der Bürgerwelle wenden.

Aus eigener Erfahrung und von vielen Bürgerinitiativen weiß ich, dass die Chancen Masten zu verhindern, aufgrund der gegenwärtigen Rechtssituation äußerste schlecht stehen. Tatsache ist, dass in den letzten Jahren "mehrere Tausend Masten" aufgestellt wurden. Masten die tatsächlich "verhindert" werden konnten, wurden in aller Regel nach dem Florians-Prinzip um ein paar hundert Meter verschoben.

 

Skalarwellen "tunneln" schneller als Licht durch Materie

"Mobilfunk - die verkaufte Gesundheit", Seite 27:

3d. Die Longitudinalwellen
Wie wäre doch die Physik so schön gebe es nicht, wie uns die Schule häufig weismachen möchte, nur die "Transversalwellen". Doch nein, auch die elektromagnetischen Wellen haben ihren Joker, ihre "schwarzen Schafe", die sich völlig anders verhalten. Und das sind die "Longitudinalwellen", auch "Skalarwellen" oder "Wirbel" genannt. ... Diese Wellenform nimmt in ihrer Intensität nicht mit dem Quadrat der Entfernung ab; sie ist schneller als Lichtgeschwindigkeit, "tunnelt" ungehindert durch Materie, also auch den Körper und entlädt ungebremst ihre Zerstörungskraft im Gewebe, etwa einem Organ oder im ungeborenen Kind einer schwangeren Frau. Der Abstand der Entfernung von der Strahlenquelle eines Handys oder einer Basisstation verringert also nicht das Ausmaß der Schädigung, "sondern nur die Wahrscheinlichkeit getroffen zu werden" (Scheiner zitiert hier Prof. Meyl)

Skalarwellen sind laut Wikipedia hypothetische Wellen die wissenschaftlich nicht nachgewiesen werden können und deshalb von der etablierten Wissenschaft nicht anerkannt sind.

Vertreter: In Deutschland wird die These von dem an der Fachhochschule Furtwangen im Fachbereich Computer & Electrical Engineering tätigen Dozenten Konstantin Meyl vertreten. Meyl ist gleichzeitig Anbieter von kommerziellen "Skalarwellensendern", die er über das von ihm gegründete "Transferzentrum für Skalarwellentechnik" vertreibt.

Gegner: Offizielle Vertreter der FH Furtwangen (z.B. Dietrich Kühlke) haben sich von Meyl distanziert. Stellvertretend für die übergroße Mehrheit der Wissenschaftler, die das Konstrukt der Skalarwellen als fehlerhaft betrachten, sei Gerhard Bruhn aus Darmstadt genannt. Herr Bruhn hat Herrn Meyl u.a. grobe Schlamperei bei der Ableitung der Longitudinalwellen aus den heute verwendeten Maxwellschen Gleichungen nachgewiesen.

Dr. Klaus Buchner, Atomphysiker und Mathematikprofessor an der TU München, hat mir bestätigt, dass Meyls mathematische Herleitungen der "Skalarwellen" fehlerhaft sind.

Ich hätte kein Problem, würde Scheiner mit sauberen Quellenangaben die Grenzen der Wissenschaft aufzuzeigen um darauf hinzuweisen, dass möglicherweise noch unerforschte Risiken in den elektromagnetischen Wellen stecken. Da könnte wohl niemand wiedersprechen.

Scheiner spricht aber über "Skalarwellen" in einer Selbstverständlichkeit wie "Captain Kirk" vom "Raumschiff Enterprise" über das "beamen". Dem unbedarften Leser wird suggeriert, es handle sich um wissenschaftlich erwiesene Tatsachen.

Auf sein Skalarwellenkapitel angesprochen reagierte Scheiner äußerst "selbstbewusst". Meyl sei eine anerkannte Kapazität auf seinem Gebiet. Buchner sei ein netter Mensch, würde aber nichts davon verstehen, und ich hätte als "Klavierlehrer" schon gar keine Ahnung von diesen Dingen. Sein Buch sei, so Scheiner wörtlich: "das seriöseste, das es zum Thema Mobilfunk derzeit gibt."

Mir wurde klar, Scheiner ist diesbezüglich keinem sachlichen Argument zugänglich. Weitere Diskussion war zwecklos.

 

Quellen kaum nachvollziehbar

An ein paar Beispielen habe ich gezeigt wie Dr. Scheiner mit Quellen umgeht. Als besonderes Ärgernis empfinde ich die Tatsache, dass die angegebenen Quellen kaum nachvollziehbar sind. Ein 22 Seiten langes Literaturverzeichnis soll den Leser beeindrucken und spiegelt bestenfalls den Anschein von Wissenschaftlichkeit vor.

Was soll ich als unbedarfter Leser zum Beispiel mit so einer Quellenangabe anfangen: "Leach u. Thorburn 1980, Del Zar et al 1990" (S. 132 zum Thema Melatonin) Kein Titel der Arbeit, keine Seitenzahl, selbst wenn ich die Originalarbeit finden sollte, müsste ich das ganze von vorne bis hinten durchackern um herauszufinden, ob Scheiner wieder eine ?Ente? verbreitet, oder vielleicht doch das wiedergibt, was der Autor geschrieben hat. Bemerkenswert ist auch, dass weder "Leach" noch "Thorburn" im Literaturverzeichnis auftauchen.

Was soll ich in Anbetracht dessen noch glauben, wenn Scheiner in seinem Buch zum Beispiel über "Schumann-Resonanzen", "Sensibilität von Fischen, Klapperschlangen und sonstiger Bioelektronik", "abstürzende Staren und Zugvögel" oder über das "Wunderhormon Melatonin" usw. schreibt?

Ich glaube diesem "Experten" gar nichts mehr!

Als problematisch sehe ich, dass Scheiner von vielen Mobilfunkkritikern und Sendemastgegnern immer noch als Autorität anerkannt wird. Das bedeutet, seine Äußerungen werden kritiklos übernommen und weiter verbreitet.

Selbstverständlich werde ich Scheiner zu keiner Veranstaltung mehr einladen und schon gar nicht als Referenten empfehlen.

Fazit: Ich distanziere mich von Dr. Hans Christoph Scheiner.

München, 06.07.2006

Franz Titscher

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